Sonntag, 15 November 2015 19:34

Die ehrenamtliche Arbeit in der Hospiz

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Im nachfolgenden Artikel erzählt eine Person über Ihre Erfahrungen in der Hospiz-Ausbildung. Ich möchte mich an dieser Stelle für die zur Verfügungstellung dieses Beitrages bedanken. Es soll dem Leser gezeigt werden, dass wir in unterschiedlichen Lebenslagen und auch Funktionen unterschiedliche Gesundheitskompetenzen benötigen. Eine besondere Form dessen stellt für mich die verantwortungsvolle Arbeit im Hospiz dar. Danke an alle, die diese Arbeit ehrenamtlich übernehmen und bereits übernommen haben.

 

Tageshospiz

Im Hospiz beginnt der Tag mit einer herzlichen Begrüßung der Tagesgäste (Patienten). Die Anzahl der Gäste variiert zwischen vier und sieben Personen, die unterschiedliche Gesundheitszustände und Bedürfnisse aufweisen. Einige kommen zur Therapie, Blutabnahme, Transfusion, Schmerztherapie, zur Unterhaltung und sind auf der Suche nach Abwechslung während ihres schweren Weges. Es folgt ein ausgedehntes Frühstück wie in einer großen Familie, in der alle gemeinsam an einem Tisch sitzen, essen, plaudern, lachen und dabei die täglichen Sorgen vergessen.

Meine Aufgabe bestand darin, den Gästen beim Frühstück behilflich zu sein, nette kurze Gespräche zu führen ihnen gegebenenfalls beim Gang zur Toilette zur Seite zu stehen und bei den verschiedenen Aktivitäten wie Basteln oder Qi Gong zu helfen.

Ich lernte Fr. J. kennen, mit ihr unterhielt ich mich lange und intensiv. Sie erzählte mir Ihre imposante Krankengeschichte und auch sehr viel Persönliches aus ihrem Leben, wie beispielsweise über ihre Tochter und zwei Enkeln im Alter von 26 und 28 Jahren. Ihre Wohnung im 4. Stock musste sie leider aufgeben, da es keinen Lift gab und sie die Treppen nicht mehr bewältigen konnte. Ich war sehr erstaunt und tief berührt, wie offen und ehrlich sie über ihre Krankheit und ihr Leben berichtet hat.

Natürlich war sie traurig und innerlich sehr aufgebracht, denn sie verstand nicht, warum gerade sie diese schlimme Diagnose von den Ärzten erhalten hat. Sie hat mehr als 40 Jahre hart gearbeitet und sich immer um die Familie gekümmert. Hätte es nicht einen „schlechten Menschen“ anstatt meiner Treffen können. „Warum ich?“ Was sagt man in so einer Situation? Ich konnte ihr spontan darauf keine passable Antwort geben. Stattdessen habe ich ihre Hand gehalten und wir beide schwiegen einen Moment lang. Etwas später erzählte sie mir, dass sie sich große Sorgen um ihren Mann macht. Wird er es ohne mich schaffen? Bis dato hat er sich um nichts zu kümmern brauchen, denn ich war ständig für ihn da.

Ich versuchte sie etwas zu beruhigen und lenkte ihre Gedanken auf andere Themen. Wir sprachen darüber, was sie gerne mag, für sie wichtig ist und das sie als Einzelperson jetzt für uns im Mittelpunkt steht. In der kurzen Zeit die wir gemeinsam verbringen durften, ist es uns aber auch gelungen, über verschiedene Dinge herzhaft zu lachen. Nach dem gemeinsamen Mittagessen widmete ich mich dann Fr. F.

Sie ist eine ruhige, stille Person. Sie sieht mittlerweile nur mehr wenig und ist auch schlecht auf den Beinen. Im Zuge ihrer Krankheit hat sie sich immer weiter zurückgezogen und sich von der Außenwelt abgekehrt. Ich begleitete sie zur Lasertherapie und langsam fasste sie Vertrauen zu mir. Sie erzählte von sich und ihrem Leben.

So hat sie vier Söhne und ein Enkelkind, früher hatte sie auch eine eigene Firma, die mittlerweile von einem Sohn weitergeführt wird. Einer der Söhne lebt in der Schweiz und daher sehen sie sich nur sehr selten. Dieser Umstand macht sie sehr traurig.bigstock Shepherd Dog And Her Young 82168097

Sie ist für alles in ihrem Leben Dankbar, auch dafür, dass sie jetzt bei ihrer Schwiegertochter wohnen darf, denn dort fühlt sie sich geborgen und wohl. Ein Grund dafür sind unteranderem die beiden Hunde mit denen sie viel Zeit verbringt.

Von Frau F. habe ich gelernt, dass man gar nicht viel reden muss, um jemandem wirklich helfen zu können. Man kann auch schon sehr viel damit erreichen, wenn man ohne viele Worte seine gesamte Aufmerksamkeit auf die jeweilige Person richtet.

Was mich persönlich sehr betroffen hat, war die Geschichte von Frau B. Sie erzählte mir unter Tränen, dass sie sehr einsam sei. Ganz bewusst hat sie sich entschieden, in das betreute Wohnen zu gehen, mit der Hoffnung, Gesellschaft und Zuspruch zu bekommen. Dieser Wunsch hat sich leider nicht erfüllt. Darum nutzt sie ab und zu die Gelegenheit, ins Tageshospiz zu kommen um den einsamen Alltag zu entfliehen.

 

Hospizstation

Ein ganz anderes Bild zeigte sich auf der Hospizstation, dort finden sich kaum Patienten auf den Gängen. Hier kann man erkennen, dass die Zeit der Betroffenen schon sehr begrenzt ist. Ein Patient namens T. ist neu angekommen als ich gerade mein Praktikum auf der Station gemacht habe. Er war noch relativ mobil, aber teilweise schon an den Rollstuhl gebunden. Von sich aus verlangte er einen Besuchsdienst, der mit ihm in den Park fährt um alles zu erkunden. Gerne war ich dazu bereit und freute mich darüber, mit ihm ein paar schöne Ausfahrten in den Park machen zu dürfen. Mir gegenüber trat er sehr direkt und forsch auf, er sagte immer sehr direkt, was ich wie zu machen hätte. Weil wir aber beide von Natur aus her sehr direkt und geradlinig sind, haben wir schnell einen guten Draht zu einander gefunden.

Er hat mir von sich, seiner Arbeit, seinem Leben und ganz besonders von seinem heißgeliebten Hund erzählt. Auf eigenen Willen hin hat er sich auf der Station einweisen lassen, weil es zuhause nicht mehr zu bewältigen war. Weiters wollte er seine Lebensgefährtin durch seine Beeinträchtigung nicht länger belasten. Später fragte, ob ich nächste Woche wieder vorbeischauen darf und über diese Frage freute er sich sehr, denn er hatte vor, für sein Zimmer noch verschiedene Dinge zu besorgen. Diese Dinge wollte er im Shopingcenter besorgen und dafür brauchte er meine Hilfe.

Als ich dann in der nächsten Woche wie vereinbart wieder kam, war vieles anders. Es ging ihm schlechter, er hing am Perfusor und kam kaum noch selbst aus dem Bett. Als ich die Zimmertür öffnete, musste ich auf der Stelle sein Fotoalbum aus der Lade nehmen und Fotos mit ihm anschauen. Es war ihm wichtig, dass wir uns gemeinsam diese Bilder angesehen haben und ganz besonders jene, die von seinem Hund.

Etwas später wollte er doch noch aus dem Bett, wenn schon nicht wie vereinbart in den Shopingcenter, dann doch wenigstens auf den Balkon, um eine Zigarette zu rauchen. Mit vereinten Kräften haben wir das gerade noch geschafft. Er wurde dann doch sehr schnell müde und wollte gleich wieder ins Bett zurück.

Ich blieb noch einige Zeit bei ihm sitzen und vereinbarte einen neuen Termin für die nächste Woche. Bevor ich ging, kam seine Lebensgefährtin zu Besuch. Diese stellte er mir gleich vor und ich konnte erkennen, wie ihn das sichtlich mit Stolz erfüllte.

Ich verabschiedete mich von beiden und wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass es ein Abschied für immer war.

Heute noch denke ich oft an Herrn T., besonders dann, wenn es um Blumen und Pflanzen geht, die er in allen Farben des Regenbogens so sehr geliebt hat. Eine ganz bestimmte Pflanze wollte er noch in seinem Zimmer haben – und zwar eine Hawaii-Palme. Leider konnte ich ihn bei der Umsetzung dieses Wunsches nicht mehr behilflich sein.86544881

Auf der Hospizstation lernte ich auch Herrn K. kennen, ein junger Patient, der durch seine Krankheit nur noch mit den Augen mit der Außenwelt kommunizieren konnte. Für mich war das eine ganz neue Erfahrung. Hier ging es hauptsächlich um Sitzwachen, Beobachtung und Angehörigen Begleitung. Nur da sein und nichts machen zu können, fiel mir schwer, aber eine Erfahrung, die ich scheinbar erst machen musste.

Mit den Eltern, besonders mit dem Vater, führte ich viele lange Gespräche und ich hatte den Eindruck, dass sie durchaus das Bedürfnis hatten, mit jemandem über ihren Sohn zu sprechen. Wie ihr Sohn als Kind war, was er angestellt hat und was er alles erreichen wollte. Teilweise mit Tränen in den Augen erzählten sie die Geschichten und lachten auch über die lustigen Dinge, die so im Laufe des Lebens passiert sind. Nachhause, ging ich manches Mal mit einem bedrückten Gefühl, war jedoch froh darüber, dass ich wenigstens ein bisschen Beistand geben und Anteilnahme nehmen konnte.

 

Palliativstation

Den letzten Teil meines Praktikums durfte ich auf der Palliativstation im LKH absolvieren. Dort betreute ich mehrere Patienten.

Herr B. zum Beispiel redete nicht sehr viel, ich durfte aber bei ihm sitzen bleiben. Hin und wieder erzählte er mir etwas aus seinem Leben, soweit es für ihn nicht zu anstrengend wurde. Er wurde schnell müde und schlief ein. Meist blieb ich dann noch ein wenig bei ihm sitzen und ging dann leise wieder. Die nächsten Tage wurde es nicht viel besser er schlief fast nur noch. Ab und zu setzte ich mich zu ihm und war einfach nur da.

Sein Bettnachbar Herr S. schaute immer wieder zu uns herüber und ich sagte ihm, dass ich anschließend auch Zeit für ihn habe. Er freute sich, da seine Familie nicht so oft kommen konnte. Auch er erzählt viel über sich und sein Leben, das mich immer wieder auf das Neue erstaunte. Ich saß neben ihm und teilweise trat ein unangenehmer Geruch in meine Nase. Für mich war es kein großes Problem, da ich beruflich im Krankenhaus tätig bin. Ich hatte aber doch den Eindruck, dass es ihm unangenehm gewesen ist. Mit der Zeit und einigen kurzen Gesprächen vorerst, wurde es besser und er kam mir unbeschwerter vor. Nach der Frage, ob ich morgen wieder kommen darf, lächelte er mir zu und sagte, jederzeit.

Herr F. war ein weiterer Patient dieser Abteilung, ich hatte den Eindruck, dass es ihm nicht ganz so schlecht wie den anderen Patienten ging. Er redete viel und gerne, meistens über seinen Beruf, den er sehr mochte. Bereits am nächsten Tag, sah es schon ganz anders aus. Er war nicht ansprechbar und reagierte auch nicht mehr.

Ich wollte nur kurz rein schauen, doch dann sah ich, dass er Besuch von seiner Frau hatte. Zuerst wollte ich mich deswegen gleich wieder zurückziehen, sah dann aber, dass sie sehr verzweifelt wirkte und so fragte ich, ob ich etwas für sie tun oder anderweitig helfen kann. Sie verneinte, aber ich könne gerne ein wenig bleiben. Die Situation war eigenartig, denn ich wusste gar nicht so richtig, was ich machen sollte. Also fragte ich sie behutsam wie es ihr momentan ginge. Sie sagte, sie sei erschöpft und müde – wisse nicht, wie es weiterginge.

Und so erzählte sie mir über den langen Kampf seiner Krankheit. Plötzlich begann sie zu weinen und ich nahm sie in die Arme, hielt sie ganz fest, so lange wie sie es brauchte. Einige Zeit später verabschiedete ich mich ganz vorsichtig und fragte sie, ob ich am nächsten Tag wiederkommen sollte. Sie nahm das Angebot gerne an und bedankte sich herzlich bei mir.

Am nächsten Tag allerdings hat sich der Gesundheitszustand des Herrn F. noch weiter verschlechtert. Als ich reinkam, rieb seine Frau gerade seinen Brustkorb mit einem Pflegeöl ein. Ich wollte gleich wieder hinausgehen, aber sie bat mich zu bleiben. Sie war tieftraurig, wirkte aber nicht mehr so verzweifelt wie am Vortag. Sie erzählte mir, dass sie die ganze Nacht hier war und es fiel ihr sichtlich schwer ihren Mann so leiden zu sehen. Auch der Gedanke, warum er so schwer gehen kann lag greifbar im Raum.Fotolia 5891561 M

Ich stand neben ihr, legte meine Arme ganz fest um ihre Schultern und teilte schweigend ihren Schmerz. Ich fragte sie dann, ob es ein spezielles Öl sei mit dem sie ihren Mann einrieb – ob er den Duft besonders mögen würde. Sie schaute mich an, nahm ohne Worte das Fläschchen in die Hand und zeigte es mir so, dass ich es lesen konnte.

Es war das „ Wegbegleiter – Öl“. Dieses Gefühl, welches in mir nun aufkam, konnte ich nicht beschreiben. Ich wusste nur, dass ich nicht länger stören wollte und die beiden jetzt alleine lassen musste. So verließ ich leise das Zimmer.

Wenige Minuten später ist Herr F. verstorben.

 

Resümee

In dieser Ausbildung mit allen damit verbundenen Praktika habe ich sehr viel lernen können. Vieles davon ist für mich selbstverständlich - vieles habe ich noch zu lernen.

Wie schon erwähnt, erstaunt es mich immer wieder, wie offen und ehrlich die Patienten zu einem sind. Dass sie vor fremden Menschen ihr Leben ausbreiten, ohne Angst und Beschönigungen.

Es macht mich traurig, wenn ich zu hören bekomme, dass so vieles unversucht und unerledigt geblieben ist, wie zum Beispiel Kindheitsträume oder lang ersehnte Herzenswünsche, die noch erfüllt werden wollten. Aber viele waren der Ansicht, dass dafür noch sehr viel (restliche) Zeit vorhanden gewesen wäre und glaubten, sie hätten noch ewig Zeit dafür. Mir ist bewusst geworden, dass man das, was man sich irgendwann vorgenommen oder gewünscht hat, im Jetzt tun sollte, denn man weiß leider nie, wie lange man noch in der Lage dafür ist oder viel Zeit einem auf Erden noch bleibt.

Sich über kleine Dinge freuen können und sie auch zu schätzen, sind meiner Meinung nach die Quintessenz des Lebens und der Liebe. Wir brauchen in Wirklichkeit doch nicht sehr viel, um glücklich zu sein. Diese Erfahrung jedoch, machen wir meist erst zu spät.

Es sind doch immer nur die kleinen Dinge und die, die von Herzen kommen, die schlussendlich von Bedeutung und Wichtigkeit sind.

 

Anmerkung: Hierbei handelt es sich um den Originaltext des Gastautors. Ergänzt durch Fotos vom Seitenbetreiber.

Letzte Änderung am Sonntag, 15 November 2015 20:15

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