Sonntag, 19 Februar 2012 00:00

Health Literacy in der Praxis

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Gesundheitskompetenz (Health Literacy) in der Praxis hlmo logo

Wir leben heute in einer „new health society“ (Kickbusch, 2005) und sind mit einer steigenden Überalterung unserer Bevölkerung und auch mit einer kontinuierlichen Kostensteigerung im Gesundheitssystem konfrontiert.

 

Daher ist es nicht verwunderlich, dass das Thema Gesundheit sowohl in privaten, sozialen als auch in politischen Diskussionen immer mehr an Bedeutung gewinnt. Um jedoch als Einzelner gesundheitsrelevante Entscheidungen fällen zu können, ist es wichtig, Zugang zu adäquaten Informationen zu haben. Erst kürzlich wurde der folgende Ausspruch von Wikipediagründer Jimmy Wales getätigt: „Leute informieren, die keine Informationen haben“. Wikipedia ist mittlerweile zu einer sehr bekannten Informationsquelle für Internetnutzer geworden und versorgt uns rund um die Uhr mit Informationen zu verschiedensten Themenbereichen, unter anderem auch über Gesundheit. Da wir im alltäglichen Leben laufend Entscheidungen treffen, die sich direkt oder indirekt auf unser Wohlbefinden auswirken, ist es notwendig, einen freien Zugang zu hochwertigen Informationen und im speziellen zu Gesundheitsinformationen zu haben.

Woran scheitert es aber, uns genau die Informationen zu suchen, die wir brauchen, um uns gesünder und aktiver zu fühlen? Verfügen wir über die persönlichen Kompetenzen, um selbständig unsere Gesundheit managen zu können? 

 

Der Begriff "Health Literacy"

In der Literatur findet sich in diesem Zusammenhang der Begriff „Health Literacy“, die Übersetzung ins Deutsche ist schwierig, da er genau genommen Gesundheitsbildung oder Wissen über Gesundheit bedeuten würde und aufgrund der Verbindung mit Literacy mit Lese- und Schreibfähigkeit verknüpft wäre. Häufig findet sich daher in der deutschsprachigen Literatur die Bezeichnung „Gesundheitskompetenz“ (Piso, 2007).

Erste Definitionen des jungen Forschungsfeldes „Health Literacy“ lassen sich im Jahr 1992 finden. Die damalige Definition basiert sehr stark auf dem Begriff Literacy und fand im „National Adult Literacy Survey“ der USA Verwendung. Spätere Definitionen beschrieben es als die Fähigkeit, Informationen zu beschaffen, zu verstehen und zu verwenden (Greenberg, 2001; Shohet, 2002). Der Konsument von Gesundheitsinformationen muss selbst in der Lage sein, Informationen auf dessen Qualität und Vertrauenswürdigkeit hin beurteilen zu können, den jeweiligen Nutzen und Schaden zu erkennen, Testergebnisse zu verstehen und gewünschte Informationen unter zu Hilfenahme von verschiedenen Quellen zu finden. Das sind Herausforderungen, die aber gewisser visueller und informeller Fähigkeiten sowie den sicheren Umgang mit einem PC und Internet erfordern (Sullivan, 2000).  

 

Ein von Nutbeam entwickeltes Modell (1999) veranschaulicht in drei Ebenen derartige Kompetenzen und Fähigkeiten:

Funktionelle Health Literacy: Umfasst grundlegende Lese- und Schreibfertigkeiten, um einfache Gesundheitsinformationen zu verstehen.

Interaktive Health Literacy: Beinhaltet umfangreichere soziale Fertigkeiten, um an alltäglichen Aktivitäten partizipieren und Informationen verschiedensten Quellen entnehmen zu können, damit auf diese Weise auch auf Veränderungen im Alltag und in der Umwelt reagiert werden kann.

Kritische Health Literacy: Fähigkeit, Informationen kritisch zu hinterfragen, um diese dann dazu zu nützen, eine größere Kontrolle über die eigene Lebenssituation zu erreichen.

Nach Ansicht von Nutbeam (2000) reicht es nicht aus, nur über gesundheitsbezogenes Wissen zu verfügen, sondern es sind auch die Einstellung, Motivation, das Verhalten und die Selbstwirksamkeit in Bezug auf Gesundheit von entscheidender Bedeutung. Die Verbesserung der Gesundheitskompetenz ist somit von entscheidender Bedeutung in Projekten der Gesundheitsförderung.

 

Kickbusch und Maag (2006) beziehen in ihre Definition den Gesundheitsbegriff, wie er in der Ottawa Charta verwendet wird („Gesundheit wird … von den Menschen in ihrer alltäglichen Umwelt geschaffen und gelebt, dort, wo sie spielen, lernen, arbeiten und lieben.“), mit ein (WHO, 1986).

 

Die Suche im Internet

Den Bürgern und Bürgerinnen stehen mittlerweile viele Möglichkeiten zur Informationsbeschaffung zur Verfügung. Einen niederschwelligen Zugang für eine breite Bevölkerungsschicht bietet vor allem das Internet. Aufgrund der großen Verbreitung und der jederzeitigen Verwendbarkeit gewinnt dieses Medium zunehmend an Relevanz.

Mittels Suchmaschinen ist es relativ einfach, allgemeine Informationen zu einem Thema zu finden. Im Zuge der Suchanfrage wird das komplexe Netzwerk an Seiten in eine lineare Liste bzw. hierarchische Anordnung von Ergebnissen transformiert (Feld et al., 2008). Die Richtigkeit und themenbezogene Relevanz der daraus resultierenden angebotenen Informationen findet bei der Reihung jedoch keine Berücksichtigung. Kommerziell ausgerichtete Informationsanbieter versuchen mit unterschiedlichsten Mitteln ihre Reihung bei den Suchergebnissen zu verbessern. Andere Anbieter, möglicherweise seriösere, die ihr Augenmerk auf den Inhalt richten und nicht unbedingt zusätzliches Geld für einen „gekauften Listenplatz“ ausgeben, haben dann das Nachsehen. Bedeutung und Auswirkung hat dieser Umstand aber sehr wohl für den Konsumenten von Informationen, denn dieser muss selbst erkennen können, welches Informationsangebot ohne negative Auswirkungen auf sein Wohlbefinden konsumiert werden kann.

Rufen wir noch einmal die Definition von Health Literacy in Erinnerung, hier steht geschrieben, dass die Bürger in der Lage sein sollten, gefundene Informationen selbst zu finden, zu verstehen und anwenden zu können. Befinden wir uns bereits an dem Punkt, an dem ein Großteil der Bürger selbständig in der Lage ist, den Health Literacy Gedanken umzusetzen? 

 

eHealth Literacy

Unter eHealth Literacy versteht man die Fähigkeit zur Suche, zum Finden, zum Verstehen und Bewerten von Gesundheitsinformationen aus elektronischen Quellen und die gewinnbringende Anwendung von Wissen um ein Gesundheitsproblem zu erkennen oder um es zu lösen (Norman & Skinner, 2006).

Der Aufzählung in der Definition folgend soll nun versucht werden, zu klären, welches Wissen dazu vorausgesetzt wird und ob weitere Aufklärung der Bevölkerung notwendig ist, um die beschriebenen Fähigkeiten in der Praxis anwenden zu können.

 

Der Blick ins Detail bei der Suche nach Gesundheitsinformationen

Der Suchprozess wird vorwiegend über Suchmaschinen und weniger über den direkten Aufruf einer bekannten Seite gestartet (Baker et al., 2003; Fox et al., 2006; Konsument, 2007). Je spezifischer die Eingabe des Suchbegriffes erfolgt, desto relevanter sind die angezeigten Treffer. Von Vorteil für den Anwender ist es, Kenntnis über die Verwendung von Operatoren (z.B.: „+“ oder „-“) zu haben oder die erweiterte Suchfunktion zu verwenden. Analysen zeigen, dass nur ca. 17% aller Suchabfragen unter Zuhilfenahme von Operatoren ausgeführt werden (Google, 2010). Eine weitere qualitative Verbesserung der angezeigten Treffer kann durch Verwendung fachspezifischer Ausdrücke erreicht werden. Es ist somit wichtig, dass der Suchende weiß, dass ein gut gewählter Suchbegriff die Präzision der Treffer erhöht und somit am Ende viel Zeit sparen kann.

Das Finden von Informationen bezieht sich auf den eigentlichen Auswahlprozess der angezeigten Treffer. Zumeist wird einer der erstgereihten Treffer durch den Anwender ausgewählt, Treffer die weiter hinten oder überhaupt erst auf einer der nachfolgenden Seiten gereiht werden, finden kaum Beachtung (Craven & Griffiths, 2002). Hier ist vor allem zu beachten, dass Suchmaschinen nicht nach der Qualität der Daten, sondern anhand anderer Eigenschaften wie beispielsweise Meta-Tags oder Aktualität einer Seite reihen. Trifft der Suchende nun eine Auswahl, so muss er bereits kurz nach dem Erscheinen der gewählten Seite entscheiden, ob es sich hierbei um einen vertrauenswürdigen Informationsanbieter handelt oder nicht. Zur ersten Orientierung können dazu, falls vorhanden, Gütesiegel oder Zertifikate herangezogen werden. Das Erkennen von allfälligen Qualitätskennzeichnungen erfordert aber ein gewisses Vorwissen, denn einerseits muss eine solche Qualitätsauszeichnung als solche erkannt werden und andererseits sollte bekannt sein, dass vielfach nur Formalkriterien (z.B.: Health on Net) überprüft werden. Eine vorhandene Auszeichnung darf nicht dazu verleiten, den angebotenen Informationen blind zu vertrauen. Innerhalb kürzester Zeit ist es möglich, die Seriosität des Anbieters grob einzuschätzen, findet sich auf den Seiten viel Werbung, blinkender Text oder Versprechungen zu Wundermitteln so ist diese Seite eher von zweifelhaften Wert und somit als Informationsquelle zu meiden.

 

Das Verstehen bzw. Interpretieren von Gesundheitsinformationen setzt teilweise gesundheitsrelevante Kompetenzen voraus wie beispielsweise die Kenntnis von medizinischen Termini. Der Laie kann durch die Angebote überfordert sein und dadurch besteht die Gefahr, dass Informationen mangelhaft oder auch falsch verstanden werden. Gerade dann, wenn es um die Gesundheit und das Wohlbefinden eines Menschen geht, müssen Texte klar und leicht verständlich angeboten werden. Ein zusätzlich angebotenes Glossar kann an dieser Stelle dazu dienen, verwendete Fachbegriffe (z.B.: Prävalenz oder Prävention) in einfachen Worten zu erklären.

 

Für das Bewerten ist es wiederum wichtig, dass die angesprochene Zielgruppe den Text vollständig versteht. Erst wenn das erreicht ist, kann eine eigenständige Beurteilung der Qualität vorgenommen werden kann. Dieser Punkt ist wichtig, da es im Internet jedem frei steht, eigene Seiten online zu stellen oder seine Meinung in Foren zu posten. Um eine erste Beurteilung von Artikeln vorzunehmen, kann es hilfreich sein, auf die bereits erwähnten Formalkriterien oder Leitfäden wie DISCERN oder NETSCORING zurückzugreifen. Berücksichtigt sollte auch das angebotene Niveau des Textes (Schreibstil, Anteil an Fremdwörtern, Rechtschreibfehler, …) und die Vollständigkeit werden.

 

Die Beurteilung der Vollständigkeit eines Textes ist für den ungeübten Leser jedoch schwierig, da dieser nicht wissen kann, welche themenbezogen Fakten noch relevant sind. Beispielsweise sollten bei Therapieempfehlungen Informationen darüber zu finden sein, welche Vor- und Nachteile jeweils damit verbunden sind, welche Alternativen zur Verfügung stehen und welche Auswirkung ein völliger Therapieverzicht hat. Zahlenangabe und Grafiken müssen so dargestellt werden, dass sie der Laie leicht interpretieren kann und dass es zu keiner Irreführung kommt.

 

Das Zusammenspiel dieser Faktoren ermöglicht es der Bevölkerung, gesundheitsrelevante Informationen gewinnbringend für die eigene Gesundheit und die von nahen Angehörigen anzuwenden. 

Initiativen zur Verbesserung der Situation 

Das Internet stellt nicht nur die Gesundheitsinformationen in Form von einfachen Internetseiten, Foren oder Datenbanken zur Verfügung, sondern bietet auch Informationen darüber an, wie mit diesen Angeboten umgegangen werden sollte. Einen wesentlichen Beitrag dazu leistet im deutschsprachigen Raum das IQWIG in Deutschland. In Österreich sind, ausgehend von der Niederösterreichischen Patientenanwaltschaft, die Veröffentlichung eines Praxisratgebers und Praxisleitfadens geplant, beide Dokumente sind dazu bestimmt, die Bevölkerung dabei zu unterstützen, einfach und schnell hochwertige Gesundheitsinformationen im Internet zu finden (Riegler, 2010). Die Etablierung von evidenzbasierten Patienteninformationen soll in Zukunft wesentlich dazu beitragen, dass die Täuschungen, die vor allem in Kampagnen der Krebsvorsorge häufig zu finden sind, reduziert werden Mühlhauser, 2010). Vielversprechend sind auch die Ansätze des Projektes „Wissen macht stark und gesund“ des Frauengesundheitszentrums in Graz, hier werden vor allem Multiplikatorinnen der Meso-Ebene angesprochen, um Wissen zur Erweiterung der Gesundheitskompetenzen effektiver in der Bevölkerung zu verbreiten.

Die Realität zeigt, dass europäische und internationale Bestrebungen (z.B.: KHRESMOI oder OMNI) vielfach dahingehend ausgerichtet sind, die Informationsqualität im Allgemeinen zu verbessern. Dieser Ansatz ist von der Grundidee her nicht falsch, jedoch zeigt die vorhergehende Auflistung der Faktoren, dass es nicht reicht, Datenbanken mit hoher bis höchster Qualität anzubieten, wenn der zukünftige Empfänger dieser Informationen nicht selbst in der Lage ist, diese zu finden oder zu verstehen. Etwaige Ratgeber, die den Suchprozess nach vertrauenswürdigen Informationen vereinfachen sollten, sind nicht in der Lage, die Schwerpunkte von eHealth Literacy in seiner Gesamtheit abzudecken. Hier wäre ein systemischer Ansatz von Nöten, um Gesundbildung auf breiter Basis zu vermitteln, um so entsprechende Kompetenzen nachhaltig in der Bevölkerung zu verankern.

Aufgrund der großen Vielfalt an Publikationen wird dieses Thema vorerst nicht umfangreicher auf dieser Homepage angeboten.

 

Weitereführende Literatur finden Sie auf folgenden Seiten:

Frauen Gesundheitszentrum Graz (FGZ) Wissen macht stark und gesund: http://www.fgz.co.at/

Ilona Kickbusch http://www.ilonakickbusch.com/

Harvard School of Public Health http://www.hsph.harvard.edu/healthliteracy/

U.S. Dep. of Health and Human S. http://www.health.gov/

Health Literacy Podcast Oud Loud http://www.healthliteracyoutloud.com/

Masterarbeit - Health Literacy Stärken und Schwächen des Konzeptes sowie praktische Konsequenzen für die Gesundheitskommunikation. http://public-health.meduni-graz.at 

 

Literaturhinweise 

[1] FREEBODY, P., LUKE, A. Literacies’ programs: debates and demands in cultural context, in: Prospect (1990).

[2] GOOGLE, Full Value of Search.

[3] GREENBERG, D., A Critical Look at Health Literacy, in: Adult Basic Education.Bd.11-2 (2001).

[4] KICKBUSCH, I. S, MAAG, D., Health literacy: towards active health citizenship, in: M. Sprenger (Hrsg.), Public Health in Österreich und Europa. Graz 2006.

[5] KICKBUSCH, I., The Health Society: importance of the new policy proposal by the EU Commission on Health and Consumer Affairs, in: Health Promotion International. Bd. 20-2 (2005).

[6] NORMAN, C. D., SKINNER, H. A., eHealth literacy: Essential skills for consumer health in a networked world, in: Journal of Medical Internet Research. Bd.8-2 (2006).

[7] NUTBEAM, D., Health literacy as a public health goal: a challenge for contemporary health education and communication strategies into the 21st century, in: Health Promotion International. Bd. 15-3 (2000).

[8] NUTBEAM, D., Literacies across the Lifespan: Health Literacy, in: Literacy & Numeracy Studies. Bd. 9-2 (1999).

[9] PISO, B., Health Literacy- Stärken und Schwächen des Konzepts sowie praktische Konsequenzen für die Gesundheitskommunikation. Graz 2007.

[10] RIEGLER, A., Steigerung der Partizipation und des Empowerments von Bürgerinnen und Bürgern durch hochwertige Gesundheitsinformationen aus dem Internet, Graz 2010 

[11] SHOHET, L., Health and Literacy: Perspectives in 2002, in: Adult Literacy and Numeracy Australian Research Consortium Online Forum, 2002. http://www.staff.vu.edu.au/

[12] SULLIVAN, E., Health Literacy, in: Consumer Health: An Online Manual, 2000.

[13] WHO, 1986.

 

Letzte Änderung am Mittwoch, 30 Juli 2014 07:24

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