Mittwoch, 24 Oktober 2012 00:00

Primärversorgung - Der Arzt des Vertrauens

Im Leben eines Menschen gibt es einen ständigen Wechsel zwischen Gesundheit und Krankheit. Mit Hilfe unserer individuellen Gesundheitskompetenzen sind wir aber vielfach in der Lage, die entsprechenden Beeinträchtigungen selbständig zu meistern. Ausgehend von der Tatsache, dass beinahe fast alle Österreicher zum Zeitpunkt der Geburt gesund sind, treten im Laufe der Zeit trotz allem immer wieder Probleme auf, die die Konsolidierung eines Gesundheitsexperten notwendig machen. Warum aber verzeichnen die Krankenhausambulanzen laufend einen größeren Zustrom an Hilfesuchenden?

 

Das Laiensystem

Zum Laiensystem gehören die persönlichen, nichtmedizinischen Beratungs- und Behandlungssysteme, worin man sich gesundheitliche Ratschläge holt. Das können somit Familienmitglieder, Freunde aber genauso auch Bücher oder das Internet sein. Mithilfe dieser Ressourcen können laut internationalen Studien ca. 80-90 Prozent der gesundheitlichen Beeinträchtigungen gemeistert werden.

 

Die Primärversorgung

Bei der Primärversorgung (Primary Care) handelt es sich um jenen Bereich des Gesundheitswesens, der einen Großteil der Erkrankungen und Beschwerden der Patienten betreut. Diese Aufgabe übernehmen in Österreich überwiegend die Allgemeinmediziner.

Vier Faktoren sind für diesen Bereich wesentlicfreepic0127h: der Erstkontakt mit dem Gesundheitssystem, Langzeitbetreuung, umfangreiche Betreuung und Koordination.

Die Auflistung verdeutlicht, dass dem Hausarzt sehr viele wichtige Funktionen zugeschrieben werden. Seit Jahren ist wissenschaftlich anerkannt, dass eine starke Primärversorgung mit einer Verbesserung der bevölkerungsbezogenen Gesundheit und geringeren Kosten in der Krankenversorgung einhergeht.

Von Seiten der Entscheidungsträger war man in Österreich bis vor kurzem der Meinung, dass es Allgemeinmediziner in ausreichender Menge gibt. Die Realität zeigt aber ein deutlich anderes Bild.

Als ideal angesehen wird ein 50 prozentiger Anteil an Allgemeinmedizinern unter allen Ärzten, 30 Prozent sind ein anzustrebendes Mindestmaß. Bis vor kurzem war man in den österreichischen Fachkreisen noch der Meinung, dass wir einen Anteil von ca. 40 Prozent hätten. Einer aktuellen Erhebung zur Folge sind es aber nur 16 Prozent (Stand 2011). Die geringe Allgemeinmedizinerdichte bringt es mit sich, dass der Primary Care-Sektor zumeist nur zu „Routinezeiten“ erreichbar ist. Vielfach ist die einzige Konsequenz in einer Notsituation, eine Krankenhausambulanz aufzusuchen. Für das System bedeutet das aber wiederum eine wesentlich höhere Kostenbelastung. An dieser Stelle soll aber auch darauf hingewiesen werden, dass wir Patienten, sofern möglich, zuerst in die Arztpraxis gehen sollten. Der Allgemeinmediziner fungiert dann als Wegweiser (Gatekeeper) durch das komplizierte und komplexe Gesundheitssystem, er entscheidet gemeinsam mit uns, ob wir weitere Experten (z.B.: einen Facharzt (sekundärer Versorgungsbereich) oder das Krankenhaus mit seinen Spezialambulanzen) aufsuchen müssen.

 

Bei diesen Überlegungen stehen nicht nur die Kosten im Vordergrund, sondern es gilt bei der Inanspruchnahme der Spitzenmedizin auch die Vermeidung von unnötigen Spitalsaufenthalten zu beachten. Auf diese Weise können vermeidbare diagnostische und therapeutische Maßnahmen vermindert werden, was in Folge zu weniger Nebenwirkungen und Komplikationen führt. In Österreich ist die Gatekeeper-Funktion jedoch nur sehr gering ausgeprägt. Laut Statistik Austria haben im Jahr 2007 mehr als 20 Prozent aller Österreicher eine Spitalsambulanz aufgesucht.

Im Gegensatz zu anderen Ländern ist die Wahrscheinlichkeit, bei Gesundheitsproblemen stationär aufgenommen zu werden, zwei- bis dreimal so hoch! Aufgrund dieser Gegebenheiten ist unsere kleine Alpenrepublik in den Bereichen Ambulanzbesuch und Spitalsaufenthalt europäischer Spitzenreiter!

 

Fazit

Nicht nur das System ist von den Rahmenbedingungen her nicht in der Lage, eine allgemeinmedizinische Versorgung rund um die Uhr zu gewährleisten, auch die Bevölkerung selbst muss endlich erkennen, dass der „Arzt des Vertrauens“, sofern erreichbar, die erste Ansprechperson in Gesundheitsfragen sein muss. Solange unser gesamtes Gesundheitssystem so stark auf die Reparaturmedizin ausgelegt ist, wird sich kaum etwas ändern. Durch Ihre verbesserte individuelle Gesundheitskompetenz sind Sie aber nicht länger ein willen- und hilfloser Patient, sondern ein aktiver Baustein des Systems.

 

Quellen und weiterführende Literatur

Sprenger M. (2012). Resonanz der Versorgungsbereiche. ÖKZ 53, 01-02:17-20.

Stiegler F. (2012). Reformoptionen. ÖKZ 52, 04:16-18 (online zu lesen).

Letzte Änderung am Mittwoch, 30 Juli 2014 07:37

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