Sonntag, 19 Februar 2012 01:00

Grundlagen von Public Health

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1.) Was versteht man unter Public Health?
  • Das dynamische und fächerübergreifende Fachgebiet "Public Health" zielt auf die Erhaltung und Förderung der Gesundheit sowie auf die Weiterentwicklung des Gesundheitssystems unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit ab.
  • “Public health is the science and the art of preventing disease, prolonging life, and promoting physical health and efficiency through organized community efforts for the sanitation of the environment, the control of community infections, the education of the individual in principles of personal hygiene, the organization of medical and nursing services for the early diagnosis and preventive treatment for disease, and the development of the social machinery which will ensure to every individual in the community a standard of living adequate for the maintenance of health." (Winslow, 1920)
  • Ziel von Public Health ist es demnach, durch gesellschaftlich organisierte Maßnahmen die gesundheitliche Lage der Bevölkerung zu verbessern und die Lebenserwartung zu steigern. Die Definition von Public Health als gesellschaftliche Aufgabe wird auch im Oxford Textbook of Public Health deutlich:

„Public health is the process of mobilizing local, state, national and in-ternational resources to solve the major health problems affecting com-munities." (Detels & Breslow, 1991, p. 49).

  • Public Health hat also das Ziel, Krankheiten und vorzeitige Todesfälle zu verhindern sowie die Gesundheit der Bevölkerung zu erhalten und zu fördern. Es geht dabei nicht um Lebensverlängerung um jeden Preis, sondern auch um die Verbesserung des Wohlbefindens und der Lebensqualität: dem „add years to life" hat das „add life to years" zu folgen, wie es die WHO formuliert. Public Health versteht sich zugleich als Wissenschaft und Praxis, sie richtet sich, anders als die Medizin oder die Psychologie, nicht vornehmlich an Individuen, sondern sie nimmt die ganze Bevölkerung oder spezifizierte Bevölkerungsgruppen in den Blick. Die von Winslow vorgeschlagenen Strategien - (Umwelt-)Hygiene, Eindämmung der Infektionskrankheiten durch präventive Maßnahmen, Gesundheitserziehung, präventive und frühdiagnostische Ausrichtung des medizinischen Systems, Einbindung nicht-medizinischer Berufsgruppen (z.B. SozialarbeiterInnen) in das Versorgungssystem sowie Abbau gesundheitlicher und sozialer Ungleichheit – sind auch heute noch Eckpfeiler der Gesundheitswissenschaften. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO Expert Committee an Public Health Administration, 1952) hat die Definition von Winslow weitgehend übernommen, und auch neuere Definitionen greifen auf diese zurück, gewichten aber die Anwendungsfelder anders.
  • Während bei Winslow die Hygiene- und Umweltbedingungen noch eine zentrale Rolle spielen, wird nunmehr die Bedeutung des medizinischen und psychosozialen Versorgungssystems betont (siehe z.B. die Definition von Hurrelmann & Laaser, 1998). Dies liegt sicherlich daran, dass sich die Hygiene- und Umweltbedingungen, auf die Winslow Bezug nimmt, in industrialisierten Ländern wie Deutschland wesentlich verbessert haben. Gleichwohl sind die Umweltbedingungen auch heute noch ein Faktor, der die gesundheitliche Lage der Bevölkerung beeinflusst. Auch in der Frage nach der Übersetzung des Begriffs Public Health zeichnet sich inzwischen ein Konsens ab. Häufig wird der Begriff „Gesundheitswissenschaften" synonym zum unübersetzten Begriff „Public Health" verwendet. Der Plural soll verdeutlichen, dass es sich bei Public Health um eine Multidisziplin handelt, die vielfältige methodische und inhaltliche Facetten aufweist, und er soll möglichst viele Disziplinen zu einer Mitarbeit einladen.

 

3. )Definition von Gesundheit 

Gesundheitsdefinition der WHO:

Gesundheit ist ein Zustand umfassenden körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Fehlen von Krankheit und Behinderung.

Die Gesundheit (einer Person, einer Gemeinschaft) stellt ein Potenzial und eine Fähigkeit dar, Lebensziele zu erreichen, das Leben zu gestalten und zu bewältigen, Gefühle zu regulieren und individuelle sowie soziale Bedürfnisse zu befriedigen.

Gesundheit im Bezugssystem der Gesellschaft: Gesundheit wird hier unter dem Aspekt der Wertorientierung und eines normativen Rechts auf Gesundheit betrachtet.

Gesundheit im Bezugssystem der Betroffenen Person: sich subjektiv gesund fühlen.

Gesundheit im Bezugssystem der Medizin und anderer Professionen: Erfüllung von objektivierbaren Normen und physiologischer Regulation bzw. organischer Funktionen.

Ein allgemeingültiger Gesundheitsbegriff:

-Gesundheit als persönliche Kompetenz(Empowerment)

- Gesundheit als Produkt eines effizienten Gesundheitssystem, als Ergebnis wirksamer gesundheitlicher Dienstleistungen

- Gesundheit als Gerechtigkeit der Lebens – und Gesundheitschancen (Gesundheitsgerechtigkeit)

-Gesundheit als Aufgabe öffentlicher Gesundheitssysteme, von Krankenversorgung und/oder Gesundheitsförderung

- Gesundheit als marktgängiges Produkt von Gesundheitsindustrien.

 

4.) Gesundheitsindikatoren

Gesundheitsindikatoren = Anzeiger von Gesundheitszuständen oder -prozessen

Die „traditionellen“Indikatoren sind eher Anzeiger für die Verteilung von Krankheit/Mortalität in der Bevölkerung 

  • Mortalität (z.B. Gesamttodesrate, ursachenspezifische Todesrate, Säuglingssterblichkeit, proportionale Mortalitätsratio…)
  • Morbidität (z.B. Prävalenz, Inzidenz von chronischen Krankheiten)
  • Letalität (Zahl der Todesfälle:Zahl der inzidenten Erkrankungsfälle)
  • Erkrankungsrisiko
  • Subjektive Morbidität
  • Prävalenz von Risikoverhalten
  •  ...

Die „neuen“ Indikatoren werden zum Teil aus den traditionellen Indikatoren abgeleitet (z.B. Lebenserwartung, verlorene potenzielle Lebensjahre, gesunde Lebenserwartung…) und es rückt verstärkt die Gesundheit ins Zentrum der Betrachtung (z.B. Prävalenz von Wohlbefinden):

  • Lebenserwartung
  • Verlorene potenzielle Lebensjahre
  • Gesunde/aktive Lebenserwartung
  • Prävalenz von Wohlbefinden
  • Prävalenz von Funktionsfähigkeit
  • Lebensqualität
  •    …

Die oben angeführten Indikatoren stellen nur eine kleine Auswahl an sehr vielen Indikatoren, die in der Gesundheitsberichterstattung verwendet werden, dar. Die Gesundheitsberichterstattung (GBE) verwendet u.a. Indikatoren zu folgenden Themenbereichen: 

  • Soziodemographie
  • Gesundheitszustand
  • Gesundheitsrelevante Verhaltensweisen
  • Gesundheitsrisiken aus der Umwelt
  • Versorgung
  • Inanspruchnahme von Leistungen der Gesundheitsförderung und Krankenversorgung
  • ….

5.)  Mit welchen großen Herausforderungen sieht sich Public Health im 21. Jahrhundert konfrontiert?

Weltweit lässt sich ein wachsender Bedarf an qualifizierten Fach- und Führungskräften und ForscherInnen im öffentlichen Gesundheitssektor beobachten. Wenn es ein gesellschaftliches Ziel ist, eine nachhaltige Gesundheit für alle Menschen zu ermöglichen, ist es entscheidend, dass die Politik und der Gesundheitssektor ein angemessenes Gleichgewicht zwischen Krankenversorgung und Gesundheitsförderung herstellen.

Public Health, als dritte Säule im Gesundheitswesen, neben den beiden anderen Säulen der ambulanten und stationären gesundheitlichen Versorgung wurde im 20. Jahrhundert ernsthaft vernachlässigt. Auf Basis einer großen Zahl wissenschaftlicher Studien und praktischer Erfahrungen sollte sich New Public Health an 2 strategischen Zielen orientieren: 

6.)    Reorientierung, Koordinierung und Management der Krankenversorgung und Pflege:

Ziel ist es, Einrichtungen der ambulanten und stationären Krankenversorgung und Pflege zu unterstützen und zu befähigen, die Qualität ihrer Leistungen zu verbessern durch die Einführung zielorientierter, wissens- und evidenzbasierter sowie ergebnisorientierter Ansätze und Methoden und durch die Schaffung patientenorientierter Netzwerke für ein kontinuierliches Versorgungsmanagement.

7.)    Entwicklung, Koordinierung und professionelles Management der Gesundheitsförderung und Prävention:

 Ziel ist es, soziale Settings und speziell Regionen und Gemeinden sowie Schulen, Betriebe und Versorgungseinrichtungen im Gesundheitswesen zu unterstützen und zu befähigen, bedürfnisorientierte und professionell geführte Gesundheitsförderungs- und Präventionsprogramme zu planen und durchzuführen und nachhaltige organisatorische Infrastrukturen und Partnerschaften aufzubauen.

8.)  Kurzgeschichte zum Wandel des Gesundheitsparadigmas: von der Pathogenese zur Salutogenese

Pathogenese: griech.: Pathos      Krankheit

Salutogense:  griech.: Salus         Heil

Genesis    Entstehung

In der Vergangenheit hat man in der Gesundheitsforschung in einem pathogenetischen Krankheitsmodell im Schwerpunkt nach den Ursachen in der Entstehung von Krankheiten gesucht. Bekannt sind die klassischen Risikofaktoren beim Herzinfarkt Stress, Bluthochdruck, Rauchen, Übergewicht, erhöhte Cholesterinwerte u. a. .

Die Risikofaktorenanalyse ist ein wichtiger Aspekt der Prävention, aber es bleibt die Frage offen, warum viele Menschen trotz vorhandener Risikofaktoren alt werden.

In neueren Ansätzen ist man dazu übergegangen, besonders die Faktoren der Gesunderhaltung zu erforschen. Das auf Aaron Antonowsky zurückgehende Modell der Salutogenese betrachtet die gesamte Persönlichkeit auf biologischer, psychischer und sozialer Ebene. Dabei spielt die Vorstellung eine besondere Rolle, dass Risikofaktoren oder Stressoren nicht grundsätzlich als krankmachend anzusehen sind. Von entscheidender Bedeutung sind die in der persönlichen Lebensgeschichte erworbenen Bewältigungsressourcen des Menschen und seine darauf basierenden Möglichkeiten auf bio-psycho-sozialer Ebene mit belastenden Ereignissen umzugehen. Krankheit und Gesundheit sind im Salutogenese-Modell als Pole eines Kontinuums zu verstehen.

Man bewegt sich zwischen Gesundheit: Health-ease, Well-being, Functioning                                     und Krankheit: Dis-ease, Illness, Sichkness

In jeder Lebensphase hat man immer mehr oder weniger gesunde Anteile in sich, nur gesund oder nur krank sind Zustände, die nie auftreten.

Nach Antonowsky beruht die Fähigkeit seine Gesundheit zu erhalten im wesentlichen auf dem Kohärenzgefühl, einer Grundhaltung gegenüber der Welt und dem eigenen Leben, die sich aus drei Komponenten zusammensetzt:

Verstehbarkeit: Ein kognitives Verarbeitungsmuster, das es erlaubt, Ereignisse als geordnet und strukturiert zu verarbeiten und zu verstehen

Bedeutsamkeit Das Ausmaß, in dem ein Mensch sein Leben bzw. Teilbereiche seines Lebens als emotional sinnvoll erlebt.

Handhabbarkeit Die Überzeugung eines Menschen, dass Probleme mit Hilfe der zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zu bewältigen sind.

Erfolgreiches Stressmanagement und Entspannung sind als schützende Ressourcen zu betrachten, die sowohl in Krisensituationen als auch vorbeugend wesentlich der Gesunderhaltung dienen.

Aron Antonovski:

1923: geboren in Brooklyn, New York, USA

1955. Ph.D. in Soziologie in Yale

1960: Emigration nach Israel, Arbeit am Institut für angewandte Sozialforschung in

Jerusalem, Beginn medizinsoziologischer Studien

1972: Mitarbeit am Aufbau der medizinischen Fakultät der Ben-Gurion-Universität

1994: gestorben in Beer-Sheba, Israel

Einflussreiche Bücher:

1979: Health, Stress and coping

1987: Unraveling the mystery of health

  

9.) Wie entwickelt sich Gesundheit? – Einflussfaktoren/Gesundheitsdeterminanten und deren Zusammenwirken

Ob die Entwicklung von Menschen eher in Richtung Gesundheit oder in Richtung Krankheit geht bzw. ob die Prozesse der Salutogenese stärker sind als die der Pathogenese, hängt von unterschiedlichen Einflussfaktoren ab.

Folgende Determinanten gesundheitlicher Entwicklung gelten heute als gesichert:

Alter, Geschlecht und genetische Einflüsse (Stichworte: Männer und Frauen haben unterschiedliche Gesundheitschancen, Lebenserwartungen etc.)

Lebensstilfaktoren (Stichworte: ausreichende Bewegung, gesunder Ernährung, Sucht- und Stressverhalten)

Soziale Netzwerke (sowohl beruflich als auch privat)

Lebens- und Arbeitsbedingungen

  • Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion
  • Bildung (siehe unten)
  • Arbeitsbedingungen (z.B. Freiräume hinsichtlich Arbeitsgestaltung haben positiven Einfluss auf GH, Stichwort „Sozialkapital“)
  • Arbeitslosigkeit (z.B. arbeitslose Menschen und deren Familien haben höheres Risiko an frühzeitigem Tod)
  • Wasser und Hygiene
  • Health-Care-Services
  • Wohnverhältnisse

Allgemeine sozioökonomische, kulturelle und Umweltbedingungen

Darüber hinaus ist sozialepidemiologisch erwiesen:

…dass der soziale Status wesentlichen Einfluss auf Gesundheit und Wohlbefinden hat (vgl. Whitehall Study, Michael Marmot

  • Bevölkerungsgruppen mit hohem sozialem Status haben in allen Lebensphasen eine deutlich geringere Krankheitsbelastung und besserer subjektive Gesundheit, als Bevölkerungsgruppen mit niedrigem sozialem Status (Mackenbach / Kunst 1997).
  • Zitat Wilkinson 2001: „Unter den modernen Industriegesellschaften sind nicht die reichsten Gesellschaften die gesündesten, sondern diejenigen, die mit den geringsten Einkommensunterschieden zwischen Arm und Reich. Soziale Ungleichheit und relative Armut sind außerordentlich wirksam: Sie steigern die Todesraten.“

§  …dass Bildung eng mit Gesundheit korreliert: Menschen mit höherem Bildungsabschluss haben umso bessere Gesundheitschancen (z.B. höhere Wahrscheinlichkeit alt zu werden (Kiotz 2007), signifikant geringere Säuglingssterblichkeit bei Müttern mit Matura bzw. Hochschulabschluss im Vergleich zu Müttern mit Lehrabschluss (Kytir 1996))

…dass bildungsferne Bevölkerungsschichten weniger „gesundes“ Verhalten aufweisen (z.B. toxischer Konsum), mehr krankheitsbedingte Fehlzeiten haben etc.

 …dass sozioökonomische und psychosoziale Determinanten weit größeren Einfluss auf Gesundheit haben als die Medizin (nur ca. 10-30% der erhöhten Lebenserwartung sind auf das Versorgungssystem zurückzuführen) 

à Determinanten und Gesundheit beeinflussen sich wechselseitig!

 

10.) Skizze eines epidemiologischen Modells

Wie kann Wissen generiert werden? – Ansätze, Methoden und Herausforderungen der epidemiologischen Forschung:

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Wissen (im Bereich Public Health) zu generieren.

Quellen der Datengewinnung:

Dokumentierte Daten (Dokumentenanalyse): z.B. Lebens- und Sterbedaten, Krankenstandsdaten, SV-Daten, Daten von Versorgungsträgern (Bettenbelegung, Medikamentenverschreibung etc.)

Sozialwissenschaftliche Gewinnung von Befragungs- und Beobachtungsdaten: z.B. von Gesundheitssurveys, Nutzerbefragungen (PatientInnen, KundInnen in Apotheken), definierte Zielgruppen, Professionelle im GH-System 

Epidemiologische Studientypen:

Kohortenstudie (Merkmale):

§  Eine gut ausgewählte Bevölkerungsgruppe  (exponierte und nicht exponierte Personen) wird über längere Zeit beobachtet

§  Bringt höchste Qualität, ist jedoch sehr teuer und dauert über Jahre (min. 3-5 Jahre und mehr)

§  Beispiel einer sehr bekannten, historischen Studie: Alemeda County Study von Berkman and Breslow

Fall-Kontroll-Studien (Merkmale):

§  Dabei wird retrospektiv gefragt („Fälle“ und „Kontrollen“)

§  Sehr häufig angewendetes Design

§  Nachteil: Verzerrungen sind häufig, da in der „Vergangenheit“ geforscht wird

Interventionsstudie (Merkmale):

§  Eine definierte Bevölkerung wird in 2 Gruppen geteilt: die eine Gruppe erhält eine Intervention, die andere nicht (z.B. Therapie vs. Nicht-Therapie)

§  Ist z.T. auch ethische Frage:  „vorenthaltene Verbesserung des GH-Zustandes“

Querschnittsstudie (Merkmale):

§  Momentaufnahme einer definierten Population

§  Mögliche Fragestellung für dieses Design: Sind mehr RaucherInnen zu einem bestimmten Zeitpunkt an Grippe erkrankt?

Cross-Over Design (ohne Gewähr)

Zufällig ausgewählte Gruppe-in 2 Gruppe geteilt A+B, zuerst Intervention bei Gruppe A dann bei Gruppe B, selten und teuer

Herausforderungen im Bereich der Wissensgenerierung ist das Mehrebenen-Problem:

Es gibt auf den unterschiedlichen Ebenen, z.B.

à auf der Mikroebene, Unterschiede zwischen Personen, Frauen und Männern, Familien und Kleingruppen

à auf der Mesoebene Unterschiede zwischen Organisationen, Settings, Berufen, Kommunen

à auf der Makroebene Unterschiede zwischen sozialen Schichten, Bildungsklassen, Ländern, Regionen etc.

 

11.) Gesundheit und soziale Ungleichheit

Sozialepidemiologische Studien zeigen, dass soziale Ungleichheit den Gesundheitszustand wesentlich determiniert. Soziale Ungleicheit wird u.a. gemessen an Kriterien wie Bildung, Einkommen oder beruflichem Status. Gezeigt werden kann, dass ein systematischer Zusammenhang zwischen sozioökonomischen Status und Morbidität besteht. Bedeutend ist die Erkenntnis, dass nicht ausschließlich die unterste soziale Schicht gegenüber dem Rest der Gesellschaft in Hinblick auf Gesundheit benachteiligt ist, sondern dass ein sozialer Gradient und damit Unterschiede zwischen allen sozialen Schichten Gesundheit wesentlich determinieren.

Michael Marmot zeigt in seinem Klassiker der Sozialepidemilogie der Whitehall Studie, dass bei Beschäftigten im öffentlichen Dienst ein sozialer Schichtgradient zur Erklärung von chronischen Krankheiten verwendet werden kann. So sehen sich leitende Beamte sich mit einer geringeren Sterblichkeit infolge von koronaren Herzkrankheiten konfrontiert, als beispielsweise angelernte Angestellte. Beachtenswert ist, dass diese Diskrepanz nur zu einem Viertel durch übliche Risikofaktoren erklärt werden kann, wie Blutdruck, Blutfettwerte oder Rauchen. Erklärungen dafür werden über den Berufsstatus und damit verbundenen psychosozialen Einflussfaktoren wie relative soziale Ungleichheit und andere Belastungsfaktoren gegeben, die durch stresstheoretische Ansätze verstehbar werden.

Was für eine zunehmende Ungleichheit im Gesundheitswesen spricht ist die Tatsache, dass der soziale Gradient für koronare Herzkrankheiten in Großbritannien in den letzten dreißig Jahren deutlich steiler wurde. Dies lässt sich u.a. durch die Veränderungen im Gesundheitsverhalten erklären. Im Zusammenhang mit dem Risikofaktor Rauchen faellt auf, dass in den reichsten Schichten der Anteil von Rauchern von 40 auf 20% fiel, während bei den sozial Benachteiligten dieser Anteil sogar leicht auf über 70% gestiegen ist. Vergleicht man auf internationaler Ebene zeigt sich, dass es keine Korrelation zwischen dem Wohlstand eines Landes (BIP) und gesundheitlichen Outcomes gibt. Beispielsweise ist die Lebenserwartung in Costa Rica höher (76,6) als in den USA (76,4), während die USA ein Pro-Kopf-Einkommen hat, das um $ 21.000 höher ist. Damit lässt sich schließen, dass Mortalität und Morbidität als Konsequenz sozio-ökonomischer oder politischer Rahmenbedingungen zu erachten ist.

Beachtenswert ist, dass der relative sozioökonomische Status gleich bedeutend ist, wie das absolute Einkommen. Schlechtere gesundheitliche Outcomes einiger US-Staaten können beispielsweise über die starke Ungleichheit in der Einkommensverteilung erklärt werden. Solche Staaten, die weniger in soziale Sicherungssysteme und öffentliche Bildung investieren zeigen deutlich verschärfte Prävalenzraten.

 

12.) Wie kann gesundheitliche Ungleichheit erklärt werden?

Der Begriff gesundheitliche Ungleichheit beschreibt Unterschiede bzgl. Gesundheitsmessgrößen, wie z.B. Lebenserwartungen und Sterberisiko (Wilkinson).

Während sich die Gesundheit der Bevölkerung als ganzes positiv verändert, verbessert sich die gesundheitliche Situation sozial schlechter gestellter Personen langsamer als in der restlichen Bevölkerung (Graham u. Kelly 2004, Marmot u Wilkinson 2003). Dieser Effekt findet sich in allen Ländern, aus denen Daten vorliegen. Die Verteilung von Gesundheit und Krankheit folgt demnach einem gesellschaftlichen Muster und ändert sich in Abhängigkeit von sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Faktoren (Marmot 1996).

Aus Sicht der Gesundheitssoziologie lässt sich die Beziehung zwischen Gesellschaft, Gesundheit und Krankheit auf zwei Ebenen analysieren.

  • auf Ebene der Soziogenese, d.h. gesellschaftliche Bedingungen und Prozesse, welche die Chancen der Gesunderhaltung bzw. Erkrankung von Individuen und Gruppen beeinflussen
  • auf Ebene der gesellschaftlichen Reaktion auf Krankheit und Verhütung, d.h. der Entwicklung und Struktur des Gesundheitswesens und der sie tragenden Berufsgruppen (Siegrist u. Möller-Leimkühler 2003)

 

Erklärungsansätze

Psychologischer Ansatz (Gesundheitskompetenz)?

  • Individuelle Orientierung (Einstellung), Verhalten: Gesundheitsbewusstsein, health literacy

Soziologischer Ansatz (Sozialkapital)?

  • Zugehörigkeit zu sozialen Schichten, Gruppen: Ungleichheit im Zugang zu Lebensressourcen, (Un)Gerechtigkeit, (Di)Stress

Soziokultureller Ansatz (Kulturelles Kapital)?

  • Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppierung mit  spezifischen gemeinsamen Wertvorstellungen und Lebensgewohnheiten (Habitus)

Ökonomischer Ansatz (Ökonomisches Kapital) ?

  • Besitz von oder Verfügbarkeit über materielle, finanzielle oder soziale Ressourcen

13.) Stresstheoretische Erklärungsmodelle für Gesundheit und Krankheit 

1. Anforderungs-Kontroll-Modell,

erklärt biologische, psychische oder  Verhaltensreaktionen als Folge spezifischer intrinsischer (z.B.: ausgeprägte persönliche Leistungsbereitschaft) oder extrinsischer (z.B.: arbeitsplatzspezifisches Anforderungsprofil) Anforderungen (Reize) die in Abhängigkeit von spezifischen Potenzialen oder Ressourcen (Kontrolle) stehen;

d.h. Berufsgruppen mit viel Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten und mit Kontrollchancen und Entscheidungsspielraum entsprechen einem salutogenem Tätigkeitsprofil (= Eustress), während eine hohe quantitative Anforderung und wenig Einflusschance für ein pathogenes Tätigkeitsprofil steht (= Distress) → Berufsgruppen mit ausgeprägten Distresserfahrungen → höhere Mortalität + Morbidität (Karasek und Theorell, 1990);  Soziogenetisches Konzept der Erwerbsrolle; allerdings stresstheoretisches Bewältigungsverhalten der Person ausgeblendet;

2. Modell beruflicher Gratifikationskrisen,

geht von der in der Tauschbeziehung der Erwerbsrolle angelegten sozialen Reziprozität aus; d.h. erbrachte Leistung wird honoriert z.B.: durch a) Lohn bzw. Gehalt b) Achtung und Wertschätzung c) beruflicher Aufstieg bzw. Arbeitsplatzsicherheit; verletzte soziale Reziprozität in engen Bindungen führt zu intensiven emotionalen Belastungen (auch hier gibt es ein soziales Gefälle); makrosoziale, sozioökonomische Entwicklungen (z.B.: Einkommensungleichheit, soziales Kapital) beeinflussen die Verfügbarkeit und Qualität sozialer Rollen (Erwerbs- und Famillienrolle); Mehrebenenanalyse zur Analyse von Wechselwirkungen zw. Makrosozialen und mikrosozialen Gegebenheiten und ihren Einflüssen auf Gesundheit und Krankheit; „Kausale Kette“ komplexer Einflussfaktoren (Gesindheitsdeterminanten) auf die Gesundheit und ihre Rückwirkung (z.B.: Einfluss der Lebens- und Arbeitsbedingungen auf die Gesundheit bzw. vice versa);

Negative gesundheitliche Auswirkungen durch akute (z.B.: belastende Lebensereignisse) und chronische (z.B.: arbeitsplatz- und arbeitsmarktbezogene Belastungen, soziale Beziehungen/ Konflikte) Stressoren, aber auch durch Ressourcenmangel;

Positiver gesundheitlicher Einfluss:

Personengebundene Ressourcen: Resilienz, Fähigkeit, auf die Anforderungen wechselnder Situationen flexibel zu reagieren und auch stressreiche, frustrierende und schwierige Lebenssituationen zu meistern; Kohärenzsinn/ -gefühl (A. Antonovsky), Reize werden in ihrem Bezugssystem zu anderen Reizen und Informationen gesehen; allgemeines Vertrauen in die Kontinuität der Person; Coping, Problembewältigung/ -strategien; Selbstwertgefühl/ Selbstvertrauen; Selbstwirksamkeit; Kognitive Bewältigungsstrategien; Lebensqualität;

Umweltgebundene Ressourcen : Wohlstand; Sozialkapital; Kulturelles Kapital; Humankapital;

Beispiel für die Stressmodelle: Whitehall II Studie aus London, Einfluss psychosozialer Arbeitsbelastungen auf die koronare Herzkrankheit;  Impuls für eine evidenzbasierte betriebliche Gesundheitsförderung;

Zusatz:

12.)   Geben Sie einen Überblick über den Österreichischen Strukturplan Gesundheit: Notwendigkeit, Sinn …

Der ÖSG 2008 ist eine Weiterentwicklung des ÖKAP/GGP (Österreichischer Krankenanstaltenplan/Großgeräteplan). Der ÖSG 2008 ist ein regionaler Rahmenplan für Versorgungsregionen und Versorgungszonen, der an einer integrativen regionalen Versorgungsplanung ansetzt.

Dargestellt werden:

Ø  32 Versorgungsregionen

Ø  4 Versorgungszonen

Ø  Quellbezogene Richtwerte zur Anzahl stationärer Aufenthalte im Jahr 2010 pro MHG (Medizinische Einzelleistungs-/Hauptdiagnosengruppen)

Ø  Qualitätskriterien, Vorgaben zu jährlichen Mindestfrequenzen

Die Vereinbarung gemäß Artikel 15a B-VG über die Organisation und Finanzierung des Gesundheitswesens legt fest, dass das gesamte Gesundheitswesen und dessen Teilbereiche überregional und sektorenübergreifend ständig zu analysieren und weiterzuentwickeln sind.

Insbesondere sind eine integrierte, aufeinander abgestimmte Planung und Steuerung aller Bereiche im Gesundheitswesen sicherzustellen und das Nahtstellenmanagement (NSM) zwischen den Gesundheitsversorgungseinrichtungen zu verbessern. Dementsprechend umfasst der Geltungsbereich der Artikel-15a-Vereinbarung das gesamte österreichische Gesundheitswesen (intra- und extramuraler Bereich) sowie die Nahtstellen zum Pflegebereich. Die „integrierte Gesundheitsstrukturplanung“ umfasst alle Ebenen und Teilbereiche der Gesundheitsversorgung und angrenzender Bereiche

• Stationärer Bereich (Krankenanstalten gemäß Krankenanstalten- und Kuranstaltengesetz– KAKuG)

• Ambulanter Bereich (Spitalsambulanzen in den Akutkrankenanstalten sowie selbstständige Ambulatorien, niedergelassene Ärztinnen/Ärzte, Gruppenpraxen und

sonstige frei praktizierende Berufsgruppen mit Kassenverträgen)

• Rehabilitationsbereich (stationäre und ambulante Rehabilitationseinrichtungen)

• Pflegebereich (soweit dieser im Rahmen des NSM für die Gesundheitsversorgung

von Bedeutung ist).

Die integrierte Gesundheitsstrukturplanung hat die Beziehungen zwischen den genannten Ebenen und Teilbereichen sowie den angrenzenden Versorgungsbereichen zu berücksichtigen. Der Österreichische Strukturplan Gesundheit (ÖSG) ist die verbindliche Grundlage für die integrierte Gesundheitsstrukturplanung und beinhaltet gleichzeitig die Rahmenplanung für Detailplanungen auf regionaler Ebene (Regionale Strukturpläne Gesundheit auf Ebene der Bundesländer – RSG).

Besondere Bedeutung kommt dabei der Tatsache zu, dass zwischen dem (teil-)stationären Bereich, den Spitalsambulanzen und den niedergelassenen Ärztinnen/Ärzten und anderen Anbieterinnen und Anbietern im Gesundheits- und Sozialbereich Wechselwirkungen bestehen und dass die Entlastungsmöglichkeiten der Akut-Krankenanstalten in hohem Maße von der Verfügbarkeit komplementärer nicht akutstationärer Einrichtungen abhängen.

Ziel: Mit dem ÖSG soll eine bedarfsgerechte, qualitativ hochwertige, effektive, effiziente und gleichwertige Versorgung in allen Versorgungsregionen unter Berücksichtigung aller relevanten Bereiche im Gesundheits- und Sozialwesen, nämlich des stationären Akutbereichs (Akutkrankenanstalten inkl. Tageskliniken), des ambulanten Bereichs (Spitalsambulanzen, niedergelassene Ärztinnen/Ärzte und selbstständige Ambulatorien), des Rehabilitationsbereichs (Rehabilitationszentren und ambulante Rehabilitation) sowie des Pflege- und Sozialbereichs (Alten- und Pflegeheime, mobile Dienste, Einrichtungen und Dienste für behinderte Menschen, psychosoziale Versorgung) einschließlich deren Beziehungen untereinander (Verbesserung von Koordination, Kooperation und Kommunikation) sichergestellt werden.

Es soll eine rasche, lückenlose sowie medizinisch und ökonomisch sinnvolle

Behandlungskette für die Patientin / den Patienten durch Verbesserung des Nahtstellenmanagements gewährleistet werden. (Sicherstellung des Informationstransfers und des nahtlosen Übergangs zwischen den Einrichtungen bzw. zwischen den oben erwähnten Bereichen, insbesondere auch durch effizienten Einsatz der Informations- und Kommunikationstechnologien).

Der ÖSG 2008 soll periodisch evaluiert werden (zumindest einmal während der Laufzeit der 15a-Vereinbarung zwischen 2008 bis 2013), wobei ein noch zu vereinbarendes Evaluierungskonzept festzulegen ist. 

14.)   Was versteht man unter dem Konzept der integrierten Gesundheitsplanung?

Der ÖSG 2006 wurde nach dem Konzept der integrierten regionalen Versorgungsplanung als Leistungsangebotsplan mit Planungshorizont 2010 konzipiert. Integrierte Gesundheitsplanung umfasst alle Ebenen und Teilbereiche der Gesundheitsversorgung und angrenzender Bereiche, schließt alle Anbieter von

Gesundheitsleistungen in einer kleinräumigen differenzierten Betrachtung mit ein und fordert somit das Nahtstellenmanagement.

 

Letzte Änderung am Samstag, 31 Oktober 2015 13:08
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